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Wintersonne und Schnee im Preßnitztal am 27.01.1981


Zu Weihnachten 1980 bekam ich eine neue Kamera geschenkt: Eine "Beirette electric SL 400" zierte den Gabentisch. Ehemalige DDR-Bürger werden sich vielleicht noch an dieses Produkt erinnern. Ich faßte gleichzeitig den Entschluß, in die Farbfotografie einzusteigen. ORWO-Farbfilme waren jedoch wegen ihres Farbstichs verrufen, auch war die Bildentwicklung recht teuer, so daß ich mich auf Dia-Fotografie festlegte. Und meine erste Fototour mit diesem neuen Apparat führte mich in das Preßnitztal!
Ende Januar 1981 sorgte ein stabiles Hochdruckgebiet über Sachsen für knackige Kälte und Sonnenschein. Aber es lag auch bis in die Niederungen des Elbtals hinein Schnee....


Früh klingelt der Wecker am 27.01.1981! Noch recht verschlafen breche ich um halb vier zu einem 25-minütigen Fußmarsch zum Dresdner Hbf auf, es ist bitterkalt, Schnee knirscht bei jedem Schritt unter meinen Sohlen. Ich erreiche P 5632 nach Flöha und sinke in die Polster eines ziemlich leeren E-5-Wagens. Pünktlich ruckt der Zug an und erreicht hinter Tharandt das Gebirge, die Schneehöhe wächst und ungewöhnlich ruhig gleite ich durch die Nacht, in kurzen Abständen stiebt der aufgewirbelte Flugschnee gegen die Fensterscheiben.. Fröstelnd durchlaufe ich in Flöha den Fußgängertunnel zum Bärensteiner Bahnsteig, zum Glück ist der Wagenpark gerade aus Annaberg eingetroffen, und die Dreiachser sind sogar gut beheizt! Nach einer halben Stunde Standzeit und einer Stunde Fahrt durch das Zschopautal stehe ich kurz nach 07.00 Uhr auf dem Bahnhof von Wolkenstein. Im Südosten verkündet Morgenrot den baldigen Sonnenaufgang, aber noch ist es zu dunkel, um mit meiner blitzlichtlosen Beirette die vor dem Lokschuppen säuselde 99 1561 aufzunehmen! Aber bald wird die Sonne aufgehen und, da ein kurzer Blick zum Güterbahnhof bestätigt, daß der Nahgüter von Niederschmiedeberg noch nicht eingetroffen ist, beschließe ich, zur Abzweigstelle der Schmalspurstrecke zu laufen und diesen dort zu erwarten. Na dann los, ab durch den hohen Schnee zum Stellwerk 1!

Die ersten Sonnenstrahlen lugen über die Berggipfel in das Zschopautal hinein und bringen Myriaden von Rauhreif- und Schneekristallen zum Glitzern. Und eine Rauchwolke über dem einmündenden Preßnitztal kündigt das Herannahen von Ng 67920 an. Der Zug hält am Deckungssignal, um, nach telefonischer Freigabe durch den Wolkensteiner Fdl, über Zschopaubrücke und am unbesetzten Stellwerk 1 vorbei, zum Wolkensteiner Güterbahnhof weiterzurollen. Wer denkt da noch an die Beschwerlichkeiten der Anreise!

99 1606 vor Wolkenstein 99 1606 vor Wolkenstein
99 1561 in Streckewalde 99 1561 in Niederschmiedeberg

Eine Wanderung durch den tiefen Schnee führt mich durch das Preßnitztal nach Streckewalde. Dort erwarte ich P 14287, welcher auch pünktlich in den Haltepunkt dampft. Auf der letzten Bühne des Zuges genieße ich die Mitfahrt durch die märchenhafte Winter- landschaft. Halt in Niederschmiedeberg: Schnell laufe ich für ein Foto nach vorne, das Personal-Schwätzchen verführt dazu, mich noch ein wenig weiter zu entfernen. Aber da ruckt der Zug an! Hektisch versuche ich, noch aufzuspringen, strauchle aber schon in der Schneewehe zwischen den Gleisen! So ein Mist! Meine Fototasche und mein Geld reisen allein weiter nach Jöhstadt....

Was nun? Ich wende mich an den zurückgebliebenden Bahnmitarbeiter. Der verspricht mir, in Jöhstadt anzurufen, damit mein Gepäck dort sichergestellt werde. Und: "Der Nahgüter wird dich schon im Packwagen mitnehmen!" Erleichtert laufe ich ihm ein wenig entgegen, und eine halbe Stunde später erreicht dieser zu meiner Freude die Ortsgrenze von Niederschmiedeberg. Er ist ziemlich lang, schwer bullert die Lok über den zuvor vom Bahnarbeiter gesäuberten Bahnhübergang. Schnell kehre auch ich zum Bahnhof zurück, diesen Zug möchte ich nicht auch noch verpassen! So sitze ich wenig später zusammen mit dem Zugpersonal um den bullernden Ofen im Packwagen herum und lasse mich über die ausgeleierten Gleise nach Steinbach schaukeln.

99 1606 vor Wolkenstein


Viel Gespräch entwickelt sich nicht, diese Truppe ist offenbar mehr eine von der wortkargen Sorte. So schaue ich aus der geöffneten Tür hinaus in die prächtige Schneelandschaft.

99 1561 in Niederschmiedeberg
99 1606 vor Niederschmiedeberg 99 1606 in Steinbach

Viel zu schnell ist Steinbach erreicht. Umfangreiche Rangierarbeiten warten auf die Lok, die mit Kohle gefüllten E-Wagen werden ob der kalten Witterung vom örtlichen Kohlehändler schon sehnlichst erwartet. Nach getaner Arbeit löscht die Lok ihren Durst an der (inzwischen wohl weltbekannten) Wasserstation. Der Packwagen steht derweil recht einsam im Hauptgleis, er wird der einzige Wagen auf der Weiterfahrt des Zuges nach Jöhstadt bleiben.

99 1606 in Jöhstadt 99 1606 in Jöhstadt 99 1606 in Steinbach


Nach einer weiteren Packwagenfahrt erreiche ich Jöhstadt. Und, im letzten Wagen des ab- gestellten Personenzuges finde ich auch meine Fototasche nebst Portemonnaie wieder. Ehrliche Menschen im Erzgebirge! 99 1606 in Jöhstadt

Inzwischen rangiert 99 1606 fleißig, der mitgebrachte Packwagen ist gegen den des Reisezuges auszutauschen, sowie ein mit Schnee beladener O-Wagen will aus dem Bahnhofsgelände in Richtung Südstummel hinausgefahren werden. Wer weiß schon, wieviel Schnee in diesem Winter noch fallen wird! Schließlich ist die Mittagspause herangekommen, und die Lok rollt vorbei an der zugeschneiten 99 1590 und an diversen Wagen zum Lokschuppen, um der dort schon wartenden 99 1561 Gesellschaft zu leisten. Ein wenig geselle ich mich dazu und belausche die beiden Damen. Was sie sich wohl zu erzählen haben?

99 1606 in Jöhstadt
99 1606 in Jöhstadt 99 1606 und 99 1561 in Jöhstadt 99 1606 und 99 1561 in Jöhstadt
99 1561 in Jöhstadt 99 1561 in Jöhstadt

Gerne stehe ich bei den Lokomotiven, alles atmet Ruhe und Frieden. Aber das lauteste Geräusch ist inzwischen das Grollen meines Magens! Und die mitgeführten Vorräte sind erschöpft! Also los, hinauf in den Ort zum Lebensmittelkauf! Als ich zurückkehre, setzt sich 99 1561 gerade vor P 14292 nach Wolkenstein. Eine Fahrt durch die Nachmittagssonne auf der ersten Bühne hinter der Lok steht mir bevor, auf der ich eine ganze Packung Wiener Würstchen nebst zwei Brötchen auf schwankendem Untergrund verzehre.

99 1561 in Niederschmiedeberg

Als wir Niederschmiedeberg erreichen, ist die Sonne schon wieder hinter den Berggipfeln verschwunden. Die Lok hält am Wasserkran und der Heizer schippt ein paar glühende Kohlen in den bereitstehenden Eimer, noch ein wenig Brennstoff vom Tender hinterher, und fertig ist das Feuer, welches den Kran für den Rest des Tages vor dem Einfrieren schützen soll. Zufrieden betrachten alle Beteiligten ihr Werk...

99 1561 in Niederschmiedeberg

Und weiter geht es! In Streckewalde beschließe ich, den Zug zu verlassen, um mich bis Wolkenstein wieder durch Bewegung ein wenig zu erwärmen. Nach knapp vier Kilometern romantischer Wanderung durch das langsam ersterbende Tageslicht erreiche ich, inzwischen durchgewärmt, Wolkenstein. P 18782 rollt auch schon an den Bahnsteig, mit ihm fahre ich nach Flöha. Tiefer Schlaf übermannt mich, freundlicherweise weckt mich in Flöha der Zugführer, sonst wäre ich wohl wieder zurückgefahren.....

99 1561 in Streckewalde

Eine Dreiviertelstunde Aufenthalt in Flöha! Aber ich finde in Bahnhofsnähe eine Gastwirtschaft, wo eine freundliche Wirtin ein Bauernfrühstück serviert. Es gibt zwar nur Braustolz-Pilsner (aus Karl-Marx-Stadt), aber das Bauernfrühstück.....! Zufrieden besteige ich P 5649, von dieser Mitfahrt in den Armen von Morpheus habe ich allerdings keinerlei Erinnerungen mehr....!


Und, habe ich Ihr Interesse an dieser kleinen Bahn geweckt? Dem Verein I.G. Preßnitztalbahn ist es zu verdanken, daß diese kurz vor der "Wende" vollständig stillgelegte Schmalspurstrecke von Jöhstadt bis Steinbach wieder aufgebaut wurde! Auch die Loks der Baureihe IVk sind dort noch in Betrieb, neben Loks anderer Baureihen. Also los, solch eine Fototour ist (zumindest in Teilen) auch heute noch durchführbar. Hier geht's zur Seite der   Pressnitztalbahn.   
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